Texte

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke, Herbst, aus: Das Buch der Bilder

Ihr fragt nach dem Geheimnis des Todes.

Aber wie könntet ihr es jemals begreifen, außer ihr sucht es im Herzen des Lebens?

Die nächtliche Eule kann mit ihren tagblinden Augen das Mysterium des Lichts nicht ergründen.

Wollt ihr wirklich den Geist des Todes erkennen, öffnet euer Herz weit für den Körper des Lebens.

Denn eins sind Leben und Tod, so wie der Fluss und das Meer eins sind.

Auf dem Grund eurer Hoffnungen und Wünsche ruht euer wortloses Wissen vom Jenseits.

Und wie Samen, die unter der Schneedecke träumen, träumen eure Herzen vom Frühling.

Vertraut diesen Träumen, denn in ihnen verbirgt sich das Tor der Unendlichkeit.

Eure Furcht vor dem Tod ist nichts als das Zittern des Hirten, der vor dem König steht und dessen ehrende Berührung erwartet.

Ist der Hirte hinter seinem Zittern nicht glücklich darüber, dass er das Zeichen des Königs empfangen soll?

Wie Samen, die unter der Schneedecke träumen, träumen eure Herzen vom Frühling.

Denn was bedeutet sterben schon anderes, als nackt im Wind zu stehen und in die Sonne zu schmelzen?

Und was bedeutet es, nicht mehr zu atmen, wenn nicht den Atem von seinem rastlosen Ebben und Fluten zu lösen, damit er emporsteigen, sich ausdehnen und unbehindert zu Gott streben kann?

Erst wenn ihr aus dem Fluss des Schweigens getrunken habt, werdet ihr wirklich singen.

Und wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt, dann wird euer Aufstieg beginnen.

Und wenn euer Körper sich mit der Erde wiedervereinigt, dann werdet ihr wahrhaftig tanzen.

Khalil Gibran: Der Prophet

Dieser Körper ist nicht ich.
Ich bin durch diesen Körper nicht begrenzt.

Leben bin ich ohne Grenzen.
Nie geboren wurde ich,
gestorben bin ich nie.

Blick auf den Ozean und in den Himmel voller Sterne,
Manifestationen meines wundersamen wahren Geistes.

Frei bin ich seit Anbeginn der Zeit.
Geburt und Tod sind Türen nur, durch die wir gehen,
heil‘ge Schwellen uns‘rer Reise.
Ein Versteckspiel sind Geburt und Tod.

Also lache mit mir,
halte meine Hand,
lass Abschied nehmen uns,
Abschied nehmen und uns wiedersehen bald.

Wir treffen heute uns
und sehen morgen wieder uns,
begegnen jeden Augenblick uns an der Quelle.
Wir treffen uns in allen Formen der Lebendigkeit.

Thich Nhat Hanh

Der Tod braucht nicht als Feind betrachtet werden, damit man sich am Leben erfreuen kann.

Den Tod im Bewusstsein zu behalten, ist eines der größten Geheimnisse. Das Gewahrsein der unbegreiflichen Verwandlung erfüllt diesen Augenblick mit zusätzlicher Fülle und Energie.

Der Tod ist kein Fehler, er ist kein Versagen, er ist wie das Ausziehen eines zu engen Schuhs.

Richard Alpert (Ram Das)

Ab Leben

Es geht
ein Körper
eine Psyche

es zieht weiter
eine Seele
in einem
größeren
Gezogen-Sein

eine Heimkehr
in der Stille Grund
in tieferes
Durchatmen
in eigentlich‘
Gehalten-Sein

aus Innerstem
schauen wir dir
hintendrein
heraus aus
schweigendem
Vertrauen
hinein in
wortbefreite
Hoffnung

wir spüren –
in Sehnsucht
nach dem Wahren
und doch absichtsfrei –
den Raum
der nicht verschluckt
sondern der dir
zur Wohnstatt wird
und neu
einkleidet
dich
mit Licht

und lässt dort
alle Liebe
frei

Robert Mosell